Nina Jäckle und der Stuttgarter Zeitungsstreik (1. April 2014)



Wie der Streik der Stuttgarter Zeitung und die Lesung von Nina Jäckle in der Stadtbibliothek, die Qualität im Journalismus und die Wirkmacht von Literatur, kurz, wie immer eins mit dem anderen zusammenhängt, das beschreibt Stefan Kister in der Streikzeitung der Stuttgarter Zeitung. Nachzulesen auf...

Seite zwei der Stuttgarter Streikzeitung unter dem Titel »Streik ist das letzte«.
 
 
Streik ist das letzte

 

Er soll den Sinn dafür schärfen, was eine Lücke von seriösem Inhalt unterscheidet

 

Von Stefan Kister

 

Streiken ist das letzte, was man sich wünscht. Seit Tagen hat man nun dieses Buch gelesen: Nina Jäckle, „Der lange Atem“, ein Roman, der davon handelt, wie ein kurzer Moment die Welt verändert, und eine Grenze zieht zwischen Vorher und Nachher, Glück und Unglück, Zerstörung und Rettung. Es ist ein guter Roman. Er hätte verdient gehabt, ausführlich in der Zeitung besprochen zu werden. Denn es ist ein Roman, den man leicht übersieht, der der Fürsprache und der Empfehlung bedarf: weil er in einem kleinen Verlag erscheint, weil seine Autorin nur die wenigsten kennen und er einem Randgebiet des literarischen Lebens zugehört, das nur selten erhellt wird vom Licht aufmerksamkeitsgebietender Preis- und Publizitätsgewitter. Doch sein Thema ist zentral: wie bekommen die Toten einer Katastrophe wie Fukushima, deren Bilder sich in unser aller Gedächtnis gegraben haben, wieder ein Gesicht.

 
Es wäre einiges dazu zu sagen gewesen, mit welchen Mitteln es Nina Jäckle schafft, dieses zum Schlagwort verödete Terrain sprachlich zu rekultivieren, wie sie dem Besonderen eines Unglücksfalls etwas abgewinnt, das uns unmittelbarer betrifft als jede Energiewende, und unser Innenleben schneller und direkter erreicht als die unsichtbare Strahlung eines fernen havarierten Atomkraftwerks. Am Mittwoch wird sie ihr Buch in der Stadtbibliothek vorstellen. Daraufhin war alles geplant. Es tut weh, als Journalist nun dazu schweigen zu müssen – streiken ist das Letzte, was man sich wünschen würde.
 
„Der lange Atem“ ist eine Meditation über die Lücke, und zwar weit über jene Lücke hinaus, die die Welle am 11. März 2011 um vierzehn Uhr sechsundvierzig in das Leben der Menschen in der Gegend um Fukushima gefressen hat. „Alles, was geblieben ist“, heißt es an einer Stelle, „weist darauf hin, dass alles andere fehlt“. Eine Lücke kann aussagekräftiger sein, als alles, mit dem man versucht, sie zu kaschieren.
 
Nichts wäre peinlicher, als eine lumpige Tarifauseinandersetzung ins Verhältnis zu den wirklich großen Katastrophen unserer Zeit zu setzen. Und doch hat jede Sphäre ihren eigenen größten anzunehmenden Unfall. In der Zeitungsbranche besteht er darin, der realen oder konstruierten Bedrohung eines Produktes dadurch zu begegnen, dass man die Bedingungen seiner Qualität immer weiter untergräbt. Genau darauf scheint es aber hinauszulaufen. Dagegen richtet sich dieser Streik, und zwar gerade, indem er uns eine Lücke aufzwingt, die wir unter anderen Umständen leidenschaftlich gerne gefüllt hätten. Wir streiken, auch um den Sinn dafür zu schärfen, was eine Lücke von seriösem Inhalt unterscheidet.
 
Als Literaturredakteur ist man damit beschäftigt, Symbolsysteme auf ihren Sinn hin zu befragen und zu übersetzen. Auch die Nuancen, an denen die Verleger eine Einigung zuletzt haben Scheitern lassen, offenbaren einen symbolischen Nebensinn. Übersetzt würde er in etwa lauten: „Trollt Euch! Gebt Euch zufrieden! Euch braucht bald keiner mehr!“ Dieser Nebensinn wiegt schwerer als der eigentlich materielle Wert, um den es bei dieser Auseinandersetzung geht. Wir aber sind davon überzeugt, dass man uns noch braucht. Nicht nur um das Überleben gefährdeter, aber wichtiger Bücher zu sichern, sondern insgesamt das Überleben in einer Gesellschaft, die von kleinen und großen Katastrophen bedroht ist, in der sich Glück von Unglück scheidet und die der Kritik und Interpretation so dringend bedarf wie die Literatur, in der sie sich spiegelt. Ein Streik ist wirklich das letzte. Doch bei dem, was auf dem Spiel steht, bleibt einem nichts anderes übrig, als ein langer Atem.


Über den Autor 

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